Abfall = Nahrung

Die Natur hingegen kennt weder Müll noch Schadstoffe, die es zu vermeiden gilt. Quantität von Abfallprodukten spielt gegenüber ihrer Qualität nur eine untergeordnete Rolle. Solange das, was vom Baum „abfällt“, als Humus wieder gewinnbringend in den Stoffkreislauf eingebracht werden kann, ist die Menge, die an Laub produziert wird, nebensächlich. Es gilt sogar: Je mehr Abfall, desto besser, da mehr Nährstoffe für den nächsten Produktionszyklus zu Verfügung stehen. Die Natur arbeitet nicht effizient, sondern effektiv, indem sie die richtigen Materialien am richtigen Ort zur richtigen Zeit einsetzt.

Das „Cradle to Cradle“-Prinzip überträgt diese Methode von organischen auf industrielle Prozesse. Statt die Symptome zu bekämpfen, (er)findet es Alternativen. Technische Materialien werden als Nährstoffe betrachtet, die erhalten und immer wieder verfügbar gemacht werden können. Während bei herkömmlichen Recycling-Verfahren Rohstoffe an Wert verlieren und schließlich im Restmüll landen (Downcycling), verfolgt “Cradle to Cradle” eine hundertprozentige Wiederverwertbarkeit aller Bestandteile.

Dafür benötigt man allerdings mehr als einen verantwortungsvollen Endverbraucher, der gewissenhaft Altpapier von Plastikmüll trennt. „Cradle to Cradle“ bezieht die gesamte Wertschöpfungskette mitein – von der Rohstoffgewinnung bis zur Wiedereingliederung der Reststoffe in einen neuen Produktionszyklus. Die Entwicklung von wiederverwendbaren Materialien und Technologien zu ihrer Aufbereitung sind wesentliche Innovationsbereiche. Doch auch das Warendesign muss neu gedacht werden. Konventionelle Produktentwürfe zielen auf eine Optimierung der Funktionaliät und der Herstellungskosten ab. Ausschlaggebend sind dafür drei Faktoren: Leistung, Preis und Ästethik. Schadstofferzeugung und Ressourcenverbrauch sowie Reperaturbedarf und Entsorgungskosten werden nicht berücksichtigt. Das „Cradle to Cradle“-Design hingegen umfasst die gesamte Herstellungs- und Distributionskette. Die Zeit wird als vierte, „ökologische“ Dimension ausschlaggebend für die Qualität einer Ware.


Etliche Produktinnovationen der letzten Jahre beweisen, dass „Cradle to Cradle“-konformes Design keine Utopie mehr ist: Kompostierbare Möbelbezüge, essbares Einweggeschirr und biologisch abbaubare T-Shirts sind ebenso am Markt erhältlich wie vollständig recyclebare Teppiche, Schuhe und Bürostühle. Praktisch, formschön, kostengünstig und ökologisch unbedenklich: So macht Konsumieren wieder Spaß.